Auch R*

Veröffentlicht 16/06/2014 von Miss Universe

Ich habe keine Ahnung, wie lange ich hier schon liege. Meine Augen sind verbunden. Mich umgibt eine gedämpfte Stille. Ein Knebel lässt mich unangenehm sabbern, hindert mich aber nicht am Schreien, denn es würde mich ohnehin niemand hören. Nackt liege ich auf dem Bauch, den Kopf zur Seite gedreht, Arme und Beine in unnatürlicher Haltung mit festen Hanfseilen auf dem Rücken verschnürt.

Es ist nicht so, dass ich mich nicht gewehrt hätte. Solange ich freie Gliedmaße hatte, habe ich mich gewunden, entzogen, frei gekämpft. Ein paar Mal konnte ich entkommen. Aber jedes Mal wieder stand ich dann sofort im Anschluss erneut bebend im Bann seines Blickes, unfähig und unwillig seinen Kreis zu verlassen. Ein Dutzend Mal hat er mich gefangen, niedergestreckt und entwischen lassen, wie eine Katze, die mit einer Maus spielt.

Irgendwann war er des Kräftemessens müde und fesselte mich zur Bewegungsunfähigkeit. Das nächste Spiel bestand darin, meine Schmerztoleranzen an unterschiedlichen Stellen zu prüfen, mal mit den Fingern, mal mit Werkzeugen, die ich nicht sehen konnte. Sobald ich zuckend vor der nächsten Stufe scheute, herrschte er mich an: „Stillhalten!“ Mit aller Konzentration gelang es mir, die folgende Attacke bewegungslos zu empfangen – nur um vor der nächsten wimmern und zappelnd zu fliehen zu versuchen. Jede Verfehlung wurde bestraft.

Als jeder Teil meines Körpers brannte, fing er an ihn breitflächig zu schlagen. Immer und immer wieder zischte der Schmerz hell und rot auf meiner Haut, als wolle er, dass sie Blasen würfe und sich ablöste wie von einem garen Schwein. Es gab keine Steigerungen mehr, aber nahe dem Höhepunkt gab es auch kein Ende. Bis ich irgendwann wegsackte. Bis mein Empfinden sich von meinem Körper löste. Bis ich wie eine lasche Hülle liegen blieb. Da traf mich ein letzter ärgerlicher Schlag – und nichts weiter.

Meine Schulter schmerzt von der ungewohnt fixierten Stellung. Das Blut ist langsam aus den Armen gewichen. Der Boden ist kalt und hart an meiner nackten Haut, insbesondere an den aufgeschürften knochigen Stellen an Hüfte und Knien, in die sich langsam der Dreck des Linoleums brennt. Das Salz meiner Tränen frisst sich ins Augenlid, ohne dass ich es wegwischen könnte. Schnodder rinnt mir aus der fröstelnden Nase und ich zittere.

Etwas Warmes berührt meinen eisigen Fuß. Es dauert eine Weile, bis meine völlig ausgekühlte Haut Haut an der Gegenseite spürt, so groß und klopfend, dass es seine Brust sein muss. Ich kann seine Hände weder sehen noch fühlen, aber die Bewegung im Tauwerk erzählt mir, dass die Fesseln gelöst werden. Bevor sie fallen, legt er mir die Hand hinter dem Ohr zwischen Kopf und Hals. Würde er mich jetzt nicht zusammen halten, ich zerfiele in Tausend Stücke im Moment, da sich das Seil löste.

So aber fallen mit den Fesseln auch meine Niederlage und meine Angst. Die Muskeln dehnen sich auf. Das Blut fließt zurück in meinen Körper. Er nimmt mich auf, legt die Arme um meinen wunden Leib und trägt mich immer gut noch blind auf eine weiche Unterlage. Wie eine Decke, ein Schutzschild ist er über mir, lässt Wärme und Leben in mich zurück fließen. Erst langsam, später entsteht Bewegung in dieser Berührung. Die guten starken Hände verteilen etwas auf meiner im Schrei gefrorenen Haut, die langsam aufgeht und blüht unter diesem Balsam.

So wie alles sich wieder öffnet. Mein Atem und meine Schleusen. Ich habe nicht gestöhnt und mich nicht gewunden, nichts gesagt und noch nicht einmal die Hand ausgestreckt. Aber ich bin bereit, als er über mich kommt, sanft zwischen meine Schenkel gleitet. Es hat nichts von Eindringen. Wir finden nur zueinander. Ganz still fühle ich das Leben zwischen uns fließen. Wie bunt und vielgestaltig es das doch tut.

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