Clubbesuch ohne Gäste

Veröffentlicht 06/05/2014 von Miss Universe

Wir laufen auf und stellen sofort fest, dass wir zu früh sind. Neben den freundlichen, aber gelangweilten Gastgebern sitzt nur ein älteres Paar aus Köln am Tresen. Der Smalltalk über Fußball und die Jugend von heute wäre grotesk und auf diese Weise vielleicht sogar erheiternd, wenn ich mir nicht vorgenommen hätte, mich nicht zu distanzieren. Etwas später erscheint ein orientalisches Pärchen, das sich aber sofort in eine Ecke zurück zieht. Wir sitzen gefangen an diesem schon wieder etwas tristen Tresen und warten auf Menschen. Die kommen aber nicht.

Ich wollte ja im Hintergrund bleiben und muss von Minute zu Minute mehr gegen den Drang ankämpfen, eine Diskussion anzuzetteln und soziologische Studien zu betreiben. Nebenbei weiß ich, dass der Pseudorebell dieses Herumsitzen zwischen Menschen, die ihm fremd sind und es bitte auch für immer bleiben sollen, hasst. Irgendwann gibt er mir den ersehnten Blick. Ich weiß gar nicht, ob es daran liegt, dass ich ihn mittlerweile so gut kenne, oder ob dieses Stieren tatsächlich eine so durchdringende Deutlichkeit hat, wenn er es zulässt. Ich meine, FICKEN in Großbuchstaben auf seiner Stirn lesen zu können.

Er schiebt mich rückwärts auf eine der Spielwiesen. Ich sitze so hoch, dass meine Füße baumeln und die Pumps herunter fallen. Trotzdem ragt er stehend beinahe riesig vor mir auf. Von hinten illuminiert ihn dramatisch der kalt leuchtende Startbildschirm einer Porno-DVD. Und ich merke, wie ich fast gegen meinen Willen darauf stehe. Er zückt die kleine Ledergerte aus der Gesäßtasche – auch so ein Bild, bei dem ein Teil von mir lauthals „Klischee“ brüllt, aber ein anderer einfach feucht wird. Wahrscheinlich empfindet er es gar nicht so, aber ich genieße es sofort, mich dem unterzuordnen.

Das Lederende zieht Bahnen über meinen Hals und mein Dekolleté. Mein Kinn wird aufgerichtet, und nur zu gern schaue ich zu ihm hoch, seine Augen im Schatten, das Kinn kantig im Widerschein des Fernsehbildes wie in einem verrauschten David Bowie-Video. Ich muss mich ausziehen. Die Gerte streichelt meine Brüste. Ich habe genau einen Zuschauer, aber der erfüllt mich gerade. Er drückt mich auf den Rücken, und ich schaue reglos nach oben, versuche seinen Blick zu entziffern, der über meinen Körper wandert.

„Hörst du sie stöhnen?“ fragt mich der Pseudorebell. In Hörweite ist irgendwo das orientalische Paar zugange. Ich nicke. „Die wird gerade anständig gefickt. Willst du auch?“ Ich nicke wieder, und er kommt über mich. Es macht ihn auch an. Ich spüre, wie er sich absichtlich zurückhält, ein seltenes Schauspiel. Dann lässt er mich aufstehen, und ich stake nur auf Strümpfen und Schuhen hinter ihm her in Richtung der Geräusche. Die beiden haben sich eingeschlossen und offensichtlich keine Lust auf uns.

Es folgt so eine Art Tour. Wie auf einem Abenteuerspielplatz probiert der Pseudorebell beinahe alle angebotenen Plätze in wechselnden Positionen durch. Ich habe längst vergessen, dass er in den verwinkelten Kabinen auf der Suche nach Publikum ist, und genieße es einfach, immer wieder gevögelt zu werden. Wir finden unter anderem einen Ort, wo er vor mir stehen kann, während ich auf dem Rücken liege. Dabei entsteht dieser Winkel, der mich die Augen verdrehen lässt.

Es ist so heiß, dass mein schwitzender Leib zu schlüpfrig wird, um ihn so fest zu packen, wie er das möchte. Es ist so heiß, dass sogar der Pseudorebell irgendwann abbricht und schnauft. Es ist nicht so heiß, dass er nicht irgendwann doch in mich gewühlt, von meinen Schenkeln umklammert kommt. Es ist mir egal, dass keiner zugesehen hat, ich bin einfach postkoital glücklich.

Außerdem sind wir unfassbar nass. Es gibt eine Doppelduschkabine, die zur Abwechslung in blaues Licht getaucht ist. Ob es an der Überdosis Endorphine in meinem Blut liegt oder tatsächlich an seltsamen Ästethik dieser merkwürdig kalten Beleuchtung, lässt sich im Nachhinein nicht mehr sagen. Ich stehe in diesem offenen Badezimmer und starre fassungslos dieses Schmuckstück von Kerl an. Ich will eigentlich nicht, aber ich fahre voll ab auf seinen kräftigen Oberkörper, die schmalen Hüften, die helle Haut mit den blaudunklen Schatten. Dann sieht er auch noch, was passiert, und grinst dieses Lächeln, das so schön ist, weil es vor Selbstbewusstsein und ungefilterter Freude beinahe platzt.

Ich muss nur dem Bedürfnis nachgeben und anfassen. Warmes Wasser läuft über seinen Körper, und ich greife hinein, wo ich will. Auf dem Steg zwischen den beiden Duschbecken stehend packe ich in seinen Arsch, an seine Brust, ziehe dieses riesige Begehrensobjekt gegen mich mit aller zur Verfügung stehenden Kraft. Mein Gesicht drückt sich in seine Schulter, scheiß auf Makeup, soll es mit mir zerfließen. Ich greife sein Kinn, seinen Hals, sogar noch mein Bein versucht ihn an mich zu zerren, und für ein paar Momente gelingt es. Das große, starke, bestimmende Wesen schließt die Augen und ergibt sich in meinen Halt.

Noch immer sind keine neuen Gäste erschienen. Aber ich kann es nicht traurig finden.

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