Fliegen können

Veröffentlicht 23/02/2014 von Miss Universe
Neulich habe ich mich gerade nackt erhoben, weil es Zeit ist, das Stundenhotel zu verlassen, bevor wir unsanft erinnert werden. Das ist für den Pseudorebellen nie ein Grund, sich nicht noch einmal meinem Körper zu nähern – sei es, um mir einen aufmunternden Klaps zu verpassen oder um mich noch einmal an sich zu drücken, als hätte er nicht gerade 60 Minuten konzentrierter Bedürfnisbefriedigung hinter sich. Diesmal greift er von hinten um mich herum, packt plötzlich ein Bein – und hält mich in der Luft. Ich bin überrumpelt und stelle im nächsten Moment fest, wie großartig sich das anfühlt, von ihm getragen quer im Raum zu hängen. Das Gefühl kommt tagelang wieder.
Ich bin ein erdverbundenes Wesen. Ich stehe gern, vielleicht ein wenig zu gern, auf dem Boden der Tatsachen. Und ich habe vor langer Zeit entschieden, lieber stark als dünn sein zu wollen. Mein Gleichgewichtssinn ist schlecht. Folglich mag ich es nicht besonders gern hochgehoben zu werden. Es ist mühevoll für den Ausführenden, es enthebt mich meiner Grundlage und es macht mich passiv und hilflos; alles Dinge, die ich nicht schätze.
Spannenderweise ist es mit dem Pseudorebell ganz anders. Ich genieße diese Momente ohne Bodenkontakt ganz besonders. Sie erweitern meine Erfahrung und sie machen mich seltsam glücklich. Das liegt zum einen daran, dass es ihm tatsächlich kaum Mühe, dafür aber sichtlich Spaß bereitet. Zum anderen lerne ich langsam, den Zustand der Hilflosigkeit ohne Scham zu genießen. Während mir sonst physische Schönheit und körperliche Stärke gar nicht so wichtig sind, machen sie mich in diesem Kontext extrem glücklich.
Eine stille Form des Fliegens ist das Schweben in Seilen. Es fühlt sich jedes Mal an wie ein kleines Wunder. Ich weiß noch, wie ich mir beim ersten Mal gar nicht vorstellen konnte, dass wir das einfach so tun – ohne Plan, ohne Anleitung (oder vielleicht ein bisschen YouTube?), ohne Unterstützung. Schon da ist mir klar geworden, dass der Pseudorebell nicht nur über Kraft verfügt, sondern auch über einiges Geschick und vor allem ein sehr gutes Gefühl für Geometrie und Schwerpunkte. Ich schwebe von ein paar Seilen getragen irgendwo zwischen Himmel und Erde – frei mitten im Raum. Es ist erhebend und doch sehr ergeben, denn ich bin nur eine Form in einem Kunstwerk. Es hat etwas Unwirkliches, Träumerisches, das sehr schön ist. Mein Körper schwebt beinahe außerhalb der Schwerkraft.
So ungeduldig ich ihn manchmal ins Bett zerre, weil ich es da sehr bequem finde, so sehr genieße ich Freiübungen im Raum. Sei es die umgekehrte Pornospinne oder Spiderwoman, ich habe keine Scheu auch schwierige Konstrukte zu probieren, weil ich einfach auf seine Kraft vertraue, meinen Körper zumindest in Teilen ohne große Schwierigkeiten halten oder stützen zu können. Wenn so etwas noch draußen geschieht, mit frischer Luft an der Haut, fühlt es sich an wie die ganz große Freiheit. Neue Achsen und Winkel werden möglich.
Ebenso leicht, wie es ihm fällt mich zu halten, kann er mich in eine neue Position befördern. Er hat keine Angst mich zu packen und herumzuwerfen. Und er hat die Kraft das zu tun, ohne auf mein Verständnis und meine Mitarbeit angewiesen zu sein. Ich erinnere noch gut den Schreck, als ich eben noch auf der Seite liegend, mich plötzlich mit gestreckten Beinen auf ihm sitzend wiederfinde, so dass die Schwerkraft mich mit überraschender Gewalt auf seinen Schwanz spießt.
Komischerweise macht uns dieses Herumwerfen auch Spaß, wenn es nicht direkt mit penetrativen Bemühungen verbunden ist. Hin und wieder geraten wir in ein Gerangel, dass keinen tieferen Sinn hat, als uns zu erheitern. Ich mag es, mich zu wehren, zu versuchen gegenzuhalten und letztlich natürlich zu verlieren. Die Verletzlichkeit meines Körpers zu erfahren in einem nicht ernsthaft bedrohlichen Umfeld, macht mir Spaß. Ich darf kämpfen, ich darf mich anstrengen. Und ich darf letztlich sogar verlieren, denn der Gewinn ist immer noch ein warmer Körper, der mich niederdrückt.
Ich finde es sogar toll, wenn mir das ganz ohne Spaß geschieht. Der Moment, als der Pseudorebell zum ersten Mal seine Kraft eingesetzt hat, um wirklich meinen Willen zu übergehen, als ich plötzlich mit der ganzen Unmittelbarkeit primitivster Instinkte meine Machtlosigkeit spüren durfte, weil ich keinerlei Einfluss auf die Position meines Körpers im Raum oder auch nur auf der Erde hatte, hat mich unsäglich beeindruckt. Physisch herumgeschleudert werden ist eine so elementare Unterlegenheitserfahrung, dass sie an all meinen Eigenständigkeitsgrundsätzen vorbei funktioniert. Und das ist sehr geil.
Wieder eine Universumsmetapher abgehakt 😉
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