Schieflage

Veröffentlicht 18/01/2014 von Miss Universe
Wir haben Zeit, und die nehmen wir uns. Einerseits haben wir die Mittagspausen so weit optimiert, dass sie manchmal für drei bis vier Orgasmen inklusive Imbiss reichen. Andererseits können wir stundenlang miteinander spielen, ohne Höhepunkte zu jagen, wenn keiner auf die Uhr zu schauen braucht. Insbesondere der Pseudorebell hat erstens sowieso nie genug und zweitens im Bezug auf den eigenen Orgasmus plötzlich eine Engelsgeduld.
Nach über zwei Stunden, mitten in einem Führungswechsel, der mich nach unten befördert – etwas, das mich normalerweise erfreut am Ende einer Bestimmerphase – blockiert plötzlich etwas in mir. Ich will aus dieser Nähe heraus, mich waschen, weg. Ohne es zu verstehen, mache ich es deutlich, und es ist sofort Schluss. Wir räumen das Feld und verwandeln uns kurzfristig in diese anderen Menschen, die im öffentlichen Raum zusammen ein Bier trinken.
Wieder einmal bin ich heilfroh, dass der Pseudorebell völlig entspannt mit solchen Zwischenfällen umgeht, sie nicht zu Tode analysieren und erst recht nicht zwanghaft unsicher auf sich selbst beziehen muss. Stattdessen sitze ich gerade gerne neben ihm, frage, wer zugegen war, während er mir den Hintern versohlte, und erzähle, wie ich die Schläge dieses Mal erlebt habe. Ich fühle mich wohl, habe aber immer noch keine Lust.

Nun misst sich der Erfolg einer Session nicht in der Anzahl der Orgasmen. Wir haben so innig gefesselt. Ich habe blind und verschnürt Schläge erhalten. Er hat mich mit meinem Vibrator und ich ihn mit meinen Fingern traktiert. Aber ein wenig merkwürdig ist dieses Ende ohne Höhepunkt eben doch. Nach kürzester Zeit merke ich zudem, wie zunächst die interessierten Blicke des Pseudorebells wieder in meinen nicht einmal vorhandenen Ausschnitt wandern. Es folgen die Hände.

Was auch immer in mir schief liegt, es hakt noch immer. Er hat mich nicht wie so oft innerhalb von Sekunden auf Betriebstemperatur. Ich habe einfach gerade keine Lust. Aber ich habe auch keine Lust, mich darüber weiter zu wundern. Also mache ich diesen merkwürdigen Vorschlag: „Entweder wir gehen jetzt nach Hause – oder Du störst dich einfach nicht daran, dass ich gar nicht will.“ Ein Satz, den ich in jeder anderen Beziehung als der, die wir eben haben, nicht einmal gedacht hätte – zumal ich mir sicher sein kann, dass der Pseudorebell sehr genau versteht, dass ich gerade nicht aus der Vorgeschichte ein Rollenspiel für ihn inszeniere, sondern das durchaus so meine, wie ich es gesagt habe.

Er steht auf, und los geht’s. Ich kann es kaum glauben. Für ihn scheint es keine Barriere zu geben, an einem unwilligen Partner sexuelle Handlungen auszuführen. Natürlich hat er meine ausdrückliche Zustimmung. Aber ich an seiner Stelle hätte unüberwindliche Hemmungen so etwas zu tun. Oder wäre mindestens unsäglich abgetörnt. Vielleicht macht er sich auch gar keine Gedanken in diesem Moment und beschließt es auszuprobieren, wie er eben einiges auszuprobieren bereit ist, ohne den Ausgang vollkommen einschätzen zu können.

Zunächst entspannt es mich, eine Ansage zu haben und zu wissen, dass nichts von mir erwartet wird. Der Pseudorebell versteht sehr gut, dass er mir jetzt nicht zärtlich zu kommen braucht, sondern fasst mich verbal und handgreiflich hart an. Es fühlt sich an, als würde er tatsächlich sein Ding durchziehen. Das Machtgefüge hat plötzlich eine Schieflage, die sich anders reizvoll anfühlt als sonst. Ich ordne mich nicht unter, sondern bleibe neutral. Das ist Sex, der gar nicht zwischen zwei Menschen stattfindet. So etwas hatte ich noch nie.

Nach und nach beginnt die Situation mich zu reizen. Ich finde es geil, so unbeteiligt benutzt zu werden. Ich verspüre plötzlich den Drang nun doch Theater zu spielen. Ich habe den Impuls Langeweile zu demonstrieren und besonders unbeteiligt zu tun, damit er seinerseits die Dominanz verstärkt. Ich will ihn reizen, aber ich traue mich nicht ganz. Immerhin begann das hier mit Ehrlichkeit. Stattdessen überlasse ich mich der Erregung, die dieses Genommen werden in mir auslöst. Und ehrlicherweise bin ich dann doch irgendwann dabei. Der Appetit kommt mit dem Essen. Oder ein guter Fick rückt einiges wieder gerade.

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