Instant

Veröffentlicht 29/12/2013 von Miss Universe
Er nimmt ein wenig Abstand, schaut mich prüfend an und sagt dann: „Du siehst so aus, als sollte ich dich langsam nach Hause schicken.“ Wir stehen angetrunken in einer dunklen Nische auf dem Weg zum Klo unserer dann doch nicht letzten Station auf dem feucht-fröhlichen Zug durch die Gemeinde. Und eigentlich hat der durchaus vernunftbegabte Pseudorebell natürlich Recht. Zu oft habe ich ihm schon demonstriert, dass ich alleine nicht immer den richtigen Moment zum Aufhören finde.

Aber in diesem Moment interpretiert er meine leicht glasig abwesenden Augen nicht vollständig. Die rühren nur zum Teil vom wer weiß wievielten Bier in meiner Hand her, das er sicherheitshalber schon mal wegtrinkt. Die Welt hat sich noch gar nicht gedreht, als ich eben die Augen schloss. Der größere Teil ist Ausdruck der gleichen blinden Gier, die auch sein Gesicht so herrlich ins Blöde entstellen kann. Und ein weiterer Bestandteil entstammt dieser staunenden Rührung, die mich jedes Mal ergreift, wenn dieses Gefühl mit seiner dermaßen urwüchsigen Kraft sich unserer bemächtigt.

Wir waren trinken und schauen und flirten. Ich mache das unter anderem deshalb so gern mit dem Pseudorebell, weil ich an seiner Seite einfach sehr gut sein kann. Er ist dann ein Freund mit den gleichen Interessen und einer meistens ähnlichen Einschätzung der Lage. Dabei vergesse ich zwischenzeitlich, dass das der gleiche Mann ist, mit dem ich Leidenschaft auf Termin und Sex auf Knopfdruck produzieren kann. Ich genieße einfach die Zeit.

Wenn er mich dann plötzlich mit der Hüfte in eine Ecke schiebt und mich mit zig Kilo Lebendmasse alles andere ignorierender Geilheit konfrontiert, überwältigt mich das. Da draußen ist die Nacht, überall schöne Frauen, Musik. Aber er kommt auf mich zu mit dieser alles andere überstrahlenden, brünftigen Energie, die mich ins Zentrum stellt. Es ist nicht nachzuvollziehen, wie automatisch und unverzögert mein Körper stets auf diesen Angang reagiert, der mir noch vor Sekunden völlig fern lag.

Der Energiestrom findet sofort einen Gegenpol; die Rückkopplung hat sich gewaschen. Ich bin sicher, wir leuchten im Dunkeln und könnten in diesem Moment ganz Finnland mit Strom versorgen. Es ist gar nicht nötig, dass er mit Zunge und Fingern die richtigen Schalter betätigt, die er nur allzu gut kennt. Natürlich tut er es trotzdem. Alle Systeme bereit. Ich bin geil.

Mein Selbst implodiert unter dem Druck der Naturgewalt, die das Leben zum Erhalt seiner selbst aufbietet. Ich kann nichts als dieser Energie nachgeben. Ich bin nichts als ein ursprünglicher, übermächtiger Wunsch, über dessen überwältigendes Ausmaß ich mich langsam zu wundern beginne, als er ein paar Zentimeter von mir abrückt, um der Vernunft doch den Sieg zu gewähren.

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