Kein Treffer

Veröffentlicht 22/12/2013 von Miss Universe
Der Tag war vollgepackt gewesen, und so habe ich auf dem Weg zum Treffpunkt zum ersten Mal Zeit mir vorzustellen, was werden könnte. Ich weiß nur, dass er vor mir da sein wird. Ohne dass ich danach gefragt hätte, ersinnt mein Hirn ein Geschichtchen, in dem ihn seine Nachbarin dreist verführt. Ich weiß, dass er auf diese Sorte Rollenspiel steht, aber ich weiß auch, dass er dafür ein Briefing braucht. Also sende ich eine Nachricht mit der Frage, ob er Lust auf eine Szene hat. Dann weiß er schon, was ich meine.

Die postwendende Antwort enthält zwei Stichwörter: Spielen und Seile. Alles in mir springt auf das erste an. Schon länger weiß ich, dass er Schmerzen meint, wenn er Spielen sagt. Seit dem letzten Mal habe ich erhöhten Respekt. Dieses Wort bedroht mich geradezu, gänzlich seiner eigentlichen Bedeutung entrückt. Mir sinkt das Herz augenblicklich in die Hose. Statt der frechen sexy Nachbarin erreicht ihn ein demütig furchtsames Wesen.

Aus diesem Modus komme ich auch nicht heraus, während er mich zu Beginn fesselt – obwohl ich mehrfach feststelle, dass er gar nicht hinterhältig lächelt und auf die gleiche konzentriert ruhige Weise mit den Seilen beschäftigt ist wie sonst auch. Ich bin keine stolze Leinwand für Fesselkunst, ich beuge mich zahm der Immobilisierung. Zu tief sitzt die Erinnerung an hilflose Bewegungsunfähigkeit auf dem Tisch. Nicht einmal die trotz allem empfundene Schönheit des Kerzenlichts, das in ständig anderen Winkeln über seinen nackten Oberkörper tanzt und jeden Muskel maximal dramatisch illuminiert, nimmt mir die Furcht. Sind die Fesseln Schmuck oder Werkzeug?

Aber wie gut sich dieses Seilkleid anfühlt! Es ist auf diese angenehme Art fest, dass es sich mehr nach Schutz, denn als Einschränkung anfühlt. Und die Teile an Brust und Beinen sind auf eine Weise miteinander verknüpft, dass das Tragen gänzlich dem einer sich ineinander schiebenden, schwerelosen Rüstung gleicht. Er platziert mich unter die Stange, lässt noch ein paar Seile über mich und über sie laufen, und plötzlich hat er es wieder geschafft: Mein Körper schwebt gut auf mehrere Druckpunkte verteilt in der Waagerechten. Ich werde nie verstehen, mit welchem Augenmaß er das herstellt. Ich schwebe! Mir wird sich auch nie erschließen, wie er aus dieser fast meditativ handwerklichen Ruhe und Präzision heraus so schnell eine stattliche Erektion hervorzaubert, die er jetzt meinem mit dem Körper an den Seilen hin und her pendelnden Kopf einverleibt…

Erst als ich wieder auf den Füßen stehe, sagt er von hinten in mein Ohr: „Jetzt kannst du Angst haben.“ In diesem Moment bindet er mir ein Tuch vor die Augen. Ich nehme an, er weiß, dass ich dazu keine gesonderte Aufforderung mehr gebraucht hätte. Ich habe mich vorzubeugen. Erst wandern die Floggerschnüre leicht über meinen Rücken, immer wieder abgelöst von seiner streichenden Hand. Aber dann, sehr bald, landen die Lederriemen scharf und fest auf meiner Haut. So hart, dass ich die Spuren der wenigen Schläge noch drei Tage später deutlich sehe. Und vor allem so hart, dass es mir unangenehm weh tut. Es gibt diese wie auch immer definierte Grenze, an der ich nicht mehr annehme und an der es dann auch keinen Spaß macht. Es ist die gleiche, an der ich beginne auszuweichen.

Der Pseudorebell lässt kurz ab, aber nur um meine Hände an die Stange zu fesseln und die Augenbinde durch ein Tuch in den Mund zu komplettieren. Ich rede ja sonst auch nicht, und atmen und schreien kann ich auch so, wie ich bald feststelle. Trotzdem macht mich dieser kleine Knebel, den er mir zum ersten Mal anlegt, noch ein wenig hilfloser. Schläge landen auf meinem Rücken, die schmerzen und die ich nicht haben will.Es ist anders als sonst. Das Annehmen der Schwäche, die Aufgabe ist ein großes Geschenk, das am Ende einer Kette von durchlebtem Schmerz und Hilflosigkeit stehen kann. Für dieses Gefühl haben wir überhaupt angefangen. Aber die Art und Weise, wie es mir gerade aufgezwungen wird, bringt nur Ablehnung hervor. Ich winde mich so gut ich kann, ich brülle in mein Tuch, aber es nützt mir nichts. Der Pseudorebell wollte Hilflosigkeit herstellen und das ist ihm gelungen.

Immerhin scheine ich einen Ausdruck der Verzweiflung zu produzieren, der ausreicht, um mir den Knebel wieder wegzunehmen. Als die Schläge weiter prasseln, nutze ich meine zurück erlangte Wortgewalt, um meiner aufsteigenden Wut Luft zu machen. Mein Körper scheint völlig anders auf die Situation zu reagieren. Als ich ihn mit an Verzweiflung grenzendem Ärger anzische: „Hör auf mich zu verprügeln“ ist das keine Provokation, damit er mich noch kleiner macht, sondern der wenig treffende Ausdruck dieses Unterschieds.
Es bewahrheitet sich meine Überzeugung, dass er mich schon versteht, wenn es darauf ankommt. Während ich noch überlege, ob ich jetzt wirklich mein Stop-Wort auspacken muss, ist das Spiel vorbei. Er wartet, bis ich einigermaßen darüber hinweg bin, dass ich gerade gegen meinen Willen geschlagen worden bin. Zweimal prüft er, dass dadurch nichts kaputt gegangen ist und es mir gut geht. Die Ursachenanalyse erschöpft sich an diesem Abend in: „Zu schnell. Man kann es nicht so schnell hoch fahren.“

Und dann tut er etwas, wofür ich ihn unendlich bewundere. Dann lässt er diese Erfahrung stehen, bereit aus Fehlern zu lernen, die Augen ganz weit nach vorn gerichtet, und macht einfach weiter und einen grandiosen Abend daraus.

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