Erlebt

Veröffentlicht 29/11/2013 von Miss Universe
Ich bin tatsächlich aufgeregt. Ich bin so aufgeregt, dass ich am Abend zuvor nicht einschlafen kann. Ich bin so aufgeregt, dass mir mehrfach am Tag jemand mit kalter Hand die Eingeweide umgräbt. Ich bin letztlich so aufgeregt, dass als wir uns endlich treffen, mein zuverlässiges Überlebensprogramm anspringt: Ich spüre weder Aufregung noch Freude und performe.

Munter sondere ich den üblichen Small Talk ab, während wir uns dem Stundenhotel annähern. Dann höre ich rechtzeitig auf, um es geschehen zu lassen. Ich stelle mich drei Zentimeter vor ihn, kann die Wärme seines Körpers spüren und warte, dass es geschieht wie vorgestellt. Aber das, was passiert, ist anders.

Es ist ein bisschen wie Fahrradfahren. Mein Körper versteht, was Sache ist, und handelt. Wir küssen uns. Arme umschlingen lang vermisste Rümpfe. Münder umschließen Geschlechter. Wir ficken – ich oben, er oben. Mein Körper spielt Sex, ich stöhne, schreie und winde mich. Er nimmt mich von hinten im Stehen, lang und heftig. Schließlich kommt er wieder über mich und lässt mich bei seinem Orgasmus zusehen. Es gibt eigentlich kaum etwas Intimeres für mich, aber noch immer schaue ich ihn verständnislos an.
Während meine Gefühle nach sich selbst suchen, streichen meine Hände ganz automatisch und selbstverständlich über seinen Rücken. Mein Mund küsst sein Kreuz. Ich beiße in seinen Po und meine Zunge schiebt sich langsam, aber entschlossen zwischen die Backen. Er bekommt einen ausführlichen Rimjob, bis er die Geduld verliert und sich auf mich setzt. Ich lecke seinen Schwanz, ich fingere seinen Arsch. Das Sperma klatscht auf mein Schlüsselbein, das Kinn und in die Haare. Nur eine Einstellung habe ich dazu immer noch nicht.
Leicht verdattert sitze ich hinterher beim Bier und begreife noch immer nicht, was ich gerade erlebt habe. Ich rede, ohne zu fragen, um die Situation unter Kontrolle zu haben, bis ich nicht mehr weiter weiß. Mein Blick klammert sich an einen gläsernen Teelichthalter, der darunter zerbirst. Irgendetwas muss passieren. Ich nehme einigen Mut zusammen und zettele aus dem Nichts eine Diskussion über Dritte beim Sex an. Es ist keine verspielte Phantasie, von der ich weiß, dass er anknüpfen kann, es ist Definitionsarbeit.
Und obwohl es unpassend bis gemein ist in diesem Moment, lässt er sich darauf ein. Er artikuliert ruhig und offen seine Bedürfnisse. Er hört zu und verhandelt. Und während ich vordergründig vollauf damit beschäftigt bin, das Thema und seine Wahrnehmung dessen zu verarbeiten, fällt einem Teil meines Kleinhirns plötzlich auf, wie gut sich das anfühlt. Ich führe gerade eine Diskussion über eine ernste und nicht ganz einfache Angelegenheit, und es bedroht mich überhaupt nicht. Stattdessen fühle ich mich ernst genommen, gewertschätzt und bereichert. Irgendetwas platzt auf.
Dann schlägt er diesen Salto, den ich nie ganz nachvollziehen kann, und wechselt übergangslos von Diskussionskultur auf Lust. Die eben noch nach Verständnis suchenden Augen gleiten tastend an meinen Hals. Seine Zunge teilt die Lippen von innnen. Es ist nicht schwer zu sehen, was geschieht. Nur die Kurve habe ich verpasst. Er nimmt mich bei der Hand und zieht mich noch einmal ins Stundenhotel.

Jetzt weiß auch der Rest von mir wieder, mit wem er unterwegs ist. Als er mir die Augen verbindet, mich schlägt und am Halsband in Position zieht, ist mein Urvertrauen wieder da. Ich habe wieder eine Einstellung zu dem, was zwischen uns passiert. Als er sich ein weiteres Mal über mir verteilt, würde ich am liebsten so und die ganze Nacht in ihn verknotet bleiben. Stattdessen gehe ich mit dem guten Gefühl, wieder ganz da zu sein. Bereit für weitere Abenteuer.

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