Riechen können

Veröffentlicht 24/09/2013 von Miss Universe
Anfangs war er bloß sauber, und das war gut so. Wahrscheinlich war ich auch vollkommen mit der Situation an sich beschäftigt, hoffnungslos überfordert vom Anspruch alle Sinne gleichermaßen gelten zu lassen. Zunächst einmal ging es ums Fühlen. Mit dem Hinschauen habe ich es ja ohnehin nicht so. Ich habe gefühlt und fühlen lassen und vielleicht gehorcht, ob es gefällt.

Später habe ich mich auf größere Expeditionen begeben, habe meine Lippen jeden Zentimeter seiner Haut kosten lassen. Lieber noch als mit den Fingern taste ich mit diesem hoch empfindlichen Nervengewebe an meinem Mund weiche Oberflächen ab. Das zarteste Streicheln teilt meine Wange aus, nicht die Fingerkuppen. Bei diesen Ausflügen meines Gesichts über seine Haut und in die Winkel seines Körpers hinein habe ich mich manchmal gewundert, wie neutral dieser Mann riecht.

Kaffee und Zigaretten konsumiert er täglich, und allein die Menge an Bieren und Weinen, von denen er mir hier und dort berichtet, ist beträchtlich. Schlackefrei kann er nicht sein 😉 Seine Freude an Bewegung und Sport in Kombination mit der sorglosen Zufriedenheit in seinem Körper lassen auch nicht auf einen Reinlichkeitsfimmel schließen. Mich erstaunt immer wieder, wie großflächig geruchsneutral der Kerl auch abends noch ist. Zumal er erfreulicherweise meistens auch weder von einer künstlichen Wolke Surferfrische noch Moschus eingehüllt wird.
Manchmal aber, wenn er sich aufregt oder wirklich anstrengt, dann produziert auch der Pseudorebell Schweiß, den man riechen kann. Dass einem dieser Geruch, der individuell und intensiv ist, nicht unangenehm sein sollte, war mir als Voraussetzung für Intimitäten bekannt. Was das angeht, weiß ich von mir, dass ich zumeist nicht sonderlich empfindlich bin. Wie oft sind Gerüche eher Terror als Freude. Sich nicht darauf konzentrieren zu müssen, ist meistens ganz praktisch.
Völlig überraschend für mich ist daher, wie sehr ich in letzter Zeit darauf abfahre. Ich schnuppere an ihm wie an frischen Brötchen, duftendem Kaffee oder schmurgelndem Grillgut. Das ist so lecker! Nicht umsonst lässt mich der Pseudorebell mit der Nase über seine Oberfläche kriechen, damit ich in Stimmung komme. Wenn ich es mir selber mache neben ihm, dann am liebsten mit dem Gesicht in seiner Achsel vergraben, diese Pheromone atmend, riechend, schmeckend. Der Geruch betört mich, köstlich und aufreizend.

Anders als Bilder kann ich ihn mir aber nicht aktiv in Erinnerung rufen. Dieser Duft gehört nicht zu den Dingen, die ich zum Beispiel aus Texten wieder herauf beschwören kann wie so viele meiner Empfindungen. Umso überwältigender ist der Effekt, wenn ich ihn dann wieder wahrnehme. Als ich ihn neulich nach zwei Wochen Pause wieder in der Nase hatte, war es, als beschwöre der Geruch von angewärmten Gras alle Sommer meines Lebens plötzlich herauf, als würden Bienenwachskerzen nach einer Lebenserfahrung an Weihnachten riechen. Die Verbindung zwischen der Duftformel und den guten Erlebnissen war in meinem Kopf so direkt und unmittelbar, dass ich kurz innehalten und den Kloß im Hals herunter schlucken musste. Ich würde gern mal wieder Perlenextrakt riechen.

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