Wie die Tiere

Veröffentlicht 21/07/2013 von Miss Universe
Offensichtlich gab es Redebedarf. Es sind je zwei Bier weg. Wir sitzen wohl schon eine Stunde im Gras, kommunizieren diesen umständlichen Weg über Sprache, verhandeln mühsam Gefühle und abstrakte Konzepte, natürlich ohne jeglichen Erkenntnisgewinn, und müssen jetzt beide pinkeln. Vor dem Sex ist das ja noch nie passiert!

Ich kehre von meinem Ausflug ins Gebüsch zurück, knie mich auf die Decke und ziehe mich demonstrativ aus. Es ist ein wunderbares Gefühl. Die Möglichkeit der Zurückweisung besteht nicht – egal wie gnadenlos das helle Tageslicht jede Falte und jeden Haarstoppel ausleuchtet. Die Zurschaustellung meines Begehrens und meines Körpers installiert zuverlässig einen automatischen Weichzeichner in seiner Wahrnehmung.

Ich fühle mich zugleich vollkommen natürlich und ein bisschen verrucht, wenn ich mich nackt nicht nur dem Abendhimmel und seinen gierigen Augen, sondern auch den Spaziergängern in einiger Entfernung präsentiere. Und ich spüre die leichte Nervosität, die das beim Pseudorebell immer auslöst. Je willentlicher ich mich unbekleidet in der Halböffentlichkeit auf die Welt zwischen unseren Körpern konzentriere, desto größer wird sein Bedürfnis die Umgebung im Blick zu behalten und Schutz zu bieten.

Es ist fast ein Spiel ihn vergessen zu lassen. Aber zunächst arbeitet er daran, mich weiter haltlos auf das Erleben zwischen uns zurückzuwerfen. Er küsst meinen Mund, meine Brüste. Er schiebt seinen Kopf von oben zwischen meine aufgespannten Schenkel. Er küsst mein Geschlecht auf die gleiche Weise wie meinen Mund. Wie in eine reife Frucht versenkt er Lippen und Zunge. Das halbe Gesicht suhlt sich in meinen geschwollenen Geweben. Feuchtes, heißes Fleisch gleitet drängend aneinander entlang. Wo welche Membran aufhört und beginnt, ist nicht mehr spürbar.
Ich will ihn jetzt in mir spüren und sage ihm das. „Mach mal schön selber“, kommt als Antwort, verbunden mit dem obligatorischen Ziehen meiner Hand an die Stelle, wo er sie sehen möchte. Dann schaut er aber gar nicht zu, sondern leiht mir noch zwei Hände und eine Zunge für ein Solo.
Ich will immer noch gefickt werden, und er tut mir endlich den Gefallen. Aber wie! Endlos langsam quält er sich aus seinen Klamotten. Die ganze Zeit will ich schon seinen Körper großflächig an meinem spüren, und jetzt kommt er genau so über mich. Haut an Haut, die Körperwärme in der sinkenden Sonne schon wieder angenehm. Unsere Brustkörbe flattern gegeneinander – unfassbar, was man alles an Herzschlag und Atmung fühlen kann. Meine Wahrnehmung geht auf wie ein Scheunentor. Der Duft der Wiese stürzt auf mich ein. Die Färbung des Lichts erschlägt mich mit ihrer Präzision.
Er kommt unsäglich langsam zu mir, gleitet zentimeterweise in mich hinein. Gefühlt aktiviert er jede Sinneszelle individuell. So vollständig über mir, unausweichlich dicht richtet er den Blick auf mich. Ich kann dem nicht standhalten. Er ist frei von Eile, von Geilheit. Er nimmt mich mit diesem dichten, heiligen Ernst, der nicht auszuhalten ist. Ich habe ihm erfolgreich beigebracht, mich nicht an dieser Achillesstelle im Nacken zu berühren, deren Aktivierung mit merkwürdiger Verlässlichkeit einen Gefühlstumult in mir auslöst. Manchmal kann ich spüren, wie er sich erinnert und einen anderen Weg nimmt. Aber diese Position, die er Blümchensex nennt, hat einen ähnlichen Effekt. Ich kann nicht anders als mich geliebt zu fühlen. Ich mache noch einen Versuch ihn anzusehen. Alles, was über Sprache an Klarheit und Offenheit verloren geht, kann dieser Mann gucken. Augen zu!
Wir sind uns so nah, wie es näher nicht geht. Außer einem zarten Beben gibt es kaum Bewegung. Nur immer noch ein Stückchen tiefer versinken wir ineinander. Allein die groteske Wahrhaftigkeit nimmt mir den Atem. Ich liege auf dem Rücken und tue nichts weiter, als zu versuchen, das alles wahrzunehmen – und bin überfordert. Endlich richtet er sich ein Stückchen auf, ich vermute, um Anlauf zu nehmen. Gleich werden sich unsere Körper reiben und winden, Schwung finden, Geilheit aufbauen, schwitzen, stöhnen, sich treiben und toll kulminieren. Stattdessen erschauern wir ein weiteres Mal ineinander, und er kommt so leise, sacht und konvulsionsfrei, dass ich es fast nicht bemerkt hätte. Wie oft fickt er mich ausdauernd, laut, schwitzend, schwungvoll stoßend, mit dieser unausweichlichen Aura von ungeplanter, drängender Energie. Das hier fühlt sich an wie die reine Intention.

Die nächste Runde geht an mich. Er liegt auf dem Rücken, ich passe den Winkel, mit dem ich mich über ihm aufrichte, abwechselnd meinen Bedürfnissen und der Spaziergängerdichte an. Ein paar Mal werden wir von Hunden aufgestöbert, aber heute verströmen wir keine Kampfatmosphäre, die Tiere drehen gelangweilt bei. Die ficken ja bloß. Ach, richtig.
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5 Kommentare zu “Wie die Tiere

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