Guck mal!

Veröffentlicht 22/06/2013 von Miss Universe
Er hat mein Becken auf einem großen Kissen platziert und es ein wenig hochgerollt. Er beginnt mich zu lecken, wie er es gerne tut. Ich habe die Arme über den Kopf gestreckt und das Gesicht zur Seite gedreht. Die Augen sind geschlossen und meine Empfindung konzentriert sich vollständig auf das, was zwischen meinen Beinen passiert. Gedanken habe ich nicht.
„Sieh mir mal zu“, fordert er mich plötzlich auf. Die Wörter bahnen sich umständlich einen Weg von meinem Ohr ins Sprachzentrum. Der Tonfall ist unbedrohlich, deshalb lässt sich mein Gehirn Zeit bei der Dekodierung des Appells. Als sich mir die Bedeutung endlich entschlüsselt hat, wird mir auch sofort die Aussichtslosigkeit dieses Unterfangens klar. Ich kann nicht spüren und sehen gleichzeitig. Eigentlich kann ich keinen meiner Sinne erfolgreich mit visueller Wahrnehmung verknüpfen. Wenn ich Musik höre oder an etwas schnuppere, schließe ich instinktiv die Augen. Sobald ich etwas fühle, das meine ganze Aufmerksamkeit einnimmt, trüben sich meine Augen mit Tränen. Jetzt öffne ich sie nur zu einem kurzen hilflosen Lächeln, das sagt: „Ich habe dich gehört, aber du weißt doch, dass ich das nicht kann.“ Dann sinkt mein Kopf ins Kissen und meine Wahrnehmung zurück auf die dunkle Leinwand meiner geschlossenen Augen.
Aber der Pseudorebell wäre nicht der Pseudorebell, wenn er sich mit einem lahmen Versuch abspeisen ließe: „Los, sieh mir dabei zu!“ Mein mühsam angeworfener Denkapparat erinnert sich widerwillig, dass das auf der Liste steht. Ich will doch lernen, auch visuell zu genießen, was wir zwei Hübschen hier tun. Als hätte mich jemand aus der Tiefschlafphase geweckt, kostet es mich ungeheure Anstrengung, die Lider zu heben. Meine Augen sind offen, aber ich sehe nichts. Als nächstes muss ich fokussieren. Der Fokus liegt aber noch immer ganz deutlich auf den Nerven an meiner Klitoris. Ich unternehme gefühlt übermenschliche Mühen und sehe ihn an.

Mit meinen Augen fokussiert sich auch mein Verstand. Ich blicke zwischen meinen Beinen hindurch in die obere Gesichtshälfte des Pseudorebellen. Er sieht mich aus völlig klaren hellen Augen an, während seine Zunge zwischen meinen Lippen unterwegs ist. Jetzt schaue ich ihm tatsächlich zu, wie er leckt und seinen ganzen Mund in mich hinein gräbt. Aber solange ich ihm in die Augen sehe, will mein Verstand mit seinem kommunizieren. Ich schaue und denke und blende dabei fast komplett die körperlichen Wahrnehmungen aus, die mich eben noch völlig vereinnahmt haben. Ich schaue und frage mich, wie zur Hölle es möglich sein soll, dass er sich auf das konzentriert, was er da tut und wie es sich anfühlt, und mich trotzdem mit einer Vehemenz anschaut, als würde er die Tiefen meiner Seele ergründen wollen.

Ich halte diesen Zustand einige Sekunden, aber es ändert sich nicht. Entweder ich schaue und denke oder ich spüre. Irgendwann will ich wirklich wieder erfahren, was ich da sehen sollte, und sinke in meine Kissen zurück. Die Leinwand wird dunkel und die Empfindungen wieder groß und schön und vollumfänglich. Er wird mich noch sehr oft auffordern müssen…

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3 Kommentare zu “Guck mal!

  • Geht mir ziemlich ähnlich, das mit dem nicht gleichzeitig gucken UND fühlen können und eine befreundete Psychologin erklärte mir auch warum: Steinzeit-Reflexe. Steinzeitmann ging auf die Jagd und musste zwangsläufig die ganze Zeit die Augen offen halten. Sein Steinzeitweibchen hingegen versteckte sich mit den Nachkommen in der dunklen Höhle. Dort musse sie nicht kucken, sondern sich irgendwie im Dunkeln zurechtfinden. Das ging besser auf der taktilen Ebene denn auf der visuellen.
    Mal ganz davon abgesehen haben die Herren der Schöpfung doch auch so ziemlich immer den besseren Ausblick. Ich kann mich eher selten so verbiegen, dass ich mir alles ganz genau ansehen könnte, was da gerade in und an mir passiert 😉

    • Hm, ich bin ja immer geneigt, evolutionär hergeleitete Begründungen für geschlechtsspezifisches Verhalten erst recht in Frage zu stellen. Aber ich gebe zu, dass meine Bemühungen umzulernen in diesem Punkt noch nicht wirklich von Erfolg gekrönt sind.
      Dabei habe ich durch die in den von uns aufgesuchten Etablissements reichlich vorhandenen Spiegel eigentlich beste Voraussetzungen 😉

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