Szenario: Verführung

Veröffentlicht 13/03/2013 von Miss Universe

Sie steht bequem in der Runde ihrer Kumpels. Es ist dieser angenehme Moment des Abends, in dem man entspannt bei den Menschen steht, die man kennt und mag. Drumherum brodelt eine nicht allzu laute Kneipe. Die ersten zwei Bier glimmern durchs Blut. Die Jungs erfinden lustige Geschichten, weil sie eigentlich keine zu erzählen haben, und alle lachen.

Sie hat gewohnheitsmäßig ein paar Mal den Raum gescannt, aber nichts gefunden, was der Beobachtung wert wäre, und hört den fröhlichen Einwürfen der eigenen Gruppe zu. Plötzlich spürt sie etwas hinter sich und wendet den Kopf. Drei Meter weiter steht ein großer blonder Typ und lächelt sie an – sehr selbstbewusst, offen und fröhlich. Es ist die Sorte Lächeln, bei der es ihr überhaupt nicht schwer fällt, das eigene Gesicht aufleuchten zu lassen. Eigentlich geschieht es automatisch. Sie sehen sich drei Sekunden lang in die Augen. Das geht weit über die Grenze der Unverbindlichkeit, aber sie hat keine Bedenken in diesem Fall. Der Kerl lauert nicht, er steht ganz entspannt in seiner Ecke.

Ohne sich recht Gedanken zu machen, rotiert sie ein Stück im Freundeskreis und steht bald so, dass sie ihn sehen kann, ohne sich den Hals zu verrenken. Er ist auch nicht allein, und ein paar Mal schafft sie es, ihn eine Weile im Gespräch zu beobachten. Sie mag die Lässigkeit, die er dabei ausstrahlt. Sein großer Körper wirkt vollkommen entspannt und eins mit ihm. Er bewegt sich kraftvoll, aber präzise und unaufgeregt. Sie hat kurz eine Vision, wie er einen Dachstuhl schreinert: mit nacktem Oberkörper in der Sonne ein großes Holz bearbeitend. Ob er Handwerker ist?

Häufiger aber als sie ihn ungestört beobachten kann, registriert er geradezu seismographisch ihren Blick und antwortet mit einem herausfordernden Grinsen. Es ist auffällig, dass darin nicht die Spur einer ironischen Brechung steckt. Er scheint keine Hintergedanken zu haben, und was immer geschieht, ist keine Niederlage für ihn.

Einmal legt er den Kopf minimal schief – wie ein Mädchen – und schafft es, sie aus 1,90 m noch schräg von unten leicht herausfordernd anzusehen. Ihr ist nicht ganz klar, zu welchem Spiel sie gefordert wird, aber sie ist nicht feige und marschiert schließlich ohne Plan zu ihm hinüber. Es ist eine seltsame Begegnung. Sie vergisst sich vorzustellen, sie erfindet keine uninteressante Frage, um ihn reden zu lassen. Sie sehen sich nur aus kürzerer Distanz in die Augen und stoßen an.

Dann fängt er an zu erzählen. Er spricht wie er schaut – ohne Aufregung, ohne Zweifel – und sie fühlt sich schnell wohl neben ihm. Sie verstehen sich mühelos und keiner muss sich anstrengen, den anderen zu unterhalten. Wie nebenbei verschwindet der Kumpel, der eben noch Teil der Unterhaltung war. Die anderen Jungs vermissen sie nicht und schließen ihren Kreis. Die zwei stehen zusammen, und man muss kein Prophet sein, um zu erkennen, dass sie das gerne tun.

Obwohl sie sich sehr wohl fühlt, stellt sie irgendwann fest, dass es in ihr kribbelt. Etwas stimmt da nicht. Und dann fällt es ihr auf: Natürlich, er steht viel zu dicht vor ihr! Dieser minimale Abstand ist vollkommen unüblich, er macht sich körperlich in ihrer Intimsphäre breit. Gleichzeitig muss sie sich eingestehen, dass sie nicht zurückweicht, wie man es normalerweise tun würde, sondern wie gebannt und elektrisiert in seinem Anziehungsfeld verharrt. Während ihr Kopf sich sehr entspannt mit ihm fühlt, muss sie sich eingestehen, dass ihr Körper ganz schön erregt ist von seiner unmittelbaren Gegenwart, die ihr aber trotz der starken physischen Präsenz keine Furcht einflößt.

Als sie an der Bar um Bier ansteht, hat sie auf einmal seinen Atem im Nacken. Er ist ihr unnötigerweise gefolgt und nutzt das Gedrängel, um ihr näher zu kommen. Und sie genießt es. Sie dreht den Hals und lehnt sich rückwärts gegen seine Brust, während sie lachend drei Worte an ihn richtet. Er antwortet ihr sofort, indem er seinen Arm kurz von hinten um ihre Taille legt. Sie weiß nicht ganz, ob sie das Ziehen in ihrem Unterleib seinem kräftigen Arm selbst oder dessen Effekt auf ihre Eingeweide zuzuschreiben ist. Jedenfalls regt sie diese Berührung auf, die er einerseits so beiläufig selbstverständlich und andererseits so unmissverständlich besitzergreifend ausführt. Bevor sie überlegen kann, was mit oder gegen diesen Arm zu tun wäre, ist er schon wieder verschwunden, und sie hat zwei Astra in der Hand.

„Komm, ich zeig Dir was“, flüstert er ihr unnötigerweise ins Ohr. Sie sieht ihn an, schaut zu ihren Freunden hinüber, die sie noch immer nicht zu vermissen scheinen, und nickt. In der nächsten übergriffigen Geste zerrt er sie eilig am Handgelenk aus der Kneipe. Dies tut er aber so fröhlich und verschwörerisch, dass sie sich mitgenommen und nicht gezwungen fühlt. Das ist aufregend! Sie hat keine Ahnung, wo es hingeht, und obwohl ihr die Gegend nicht fremd ist, hat sie natürlich nach drei Häuserecken die Orientierung verloren und sich einem Fremden ausgeliefert, von dem sie noch nicht einmal den Namen weiß, wie ihr kurz auffällt.

Irgendwo drückt er eine Tür auf, schiebt sie in ein dunkles Treppenhaus und bedeutet ihr abermals verschwörerisch grinsend leise zu sein. Wie zwei Einbrecher schleichen sie fünf Stockwerke nach oben. Auf dem letzten Absatz macht er sich an einer Tür zu schaffen, die letztlich aufspringt. Sie will schon hinter ihm hindurchschlüpfen, als er sich plötzlich umdreht. Sie prallt gegen ihn und wieder hält er sie zielsicher kurz fest, diesmal zu ihm hingewandt. Er schaut ihr in die Augen und lässt sie wieder los.

Hinter der Tür erstreckt sich eine einsame Dachterrasse. Außer einer Hollywoodschaukel, einem halb vertrockneten Margarittenbäumchen und dem Sternenhimmel gibt es dort nichts. Sie staunt, wieviel mehr Himmelskörper man in der gleichen Stadt von weiter oben sieht! Als sie die Augen vom Himmelszelt lösen kann, bemerkt sie, dass er stattdessen sie anstaunt.

Sie setzen sich in die Hollywoodschaukel und sie wird ganz still, als er ihr von den Sternbildern und all den dazugehörigen Sagen berichtet. Wie immer in der Mythologie geht es um Leben und Tod, Schuld und Sühne, Liebe und Hass. Sie sieht zum Himmel auf, aber sie hängt an seinen Lippen. In der lauen Luft einer Sommernacht dieser ruhigen tiefen Stimme lauschen, wie sie vom Leben selbst erzählt – es könnte ewig so weitergehen. Sie kuschelt sich in seinen Arm.

Es geht auch immer weiter, ganz hinten am Horizont deutet sich schon der Morgen an. Wie selbstverständlich beginnt er irgendwann ihren Arm zu streicheln. Es ist angenehm, und obwohl es nicht kalt ist, durchläuft sie eine Gänsehaut, die sie sich noch enger an ihn schmiegen lässt.

Seine Hand wandert weiter. Sie bewegt sich genauso lässig und geschmeidig auf ihr wie sein ganzer Körper auf dieser Erde. Seine Fingerkuppen streichen über ihr Dekolleté. Sie spürt, wie sich ihre Brustwarzen unwillkürlich aufrichten. Sie spürt, wie sie tiefer atmet und ihre Brust ihm sanft entgegen bäumt. Und schließlich wird ihr auch klar, dass sie es will.

Sie lässt Orion aus den Augen und dreht sich um. Die Hollywoodschaukel gibt kurz nach, als sie auf seinen Schoß klettert, ihn noch einmal leicht verwundert ansieht, dann sein Gesicht mit beiden Händen ergreift und ihn küsst. Das war nur folgerichtig. Sie küssen sich, als kannten sie sich ihr Leben lang und als hätten sie ein Leben lang Zeit. Seine Lippen sind weich und im richtigen Maße fordernd. So erzählt man ohne Worte.

Der scheinbar endlose und schwerelose Kuss verändert sich über die Zeit. Seine Hände wandern über ihren Körper. Er streichelt ihren Rücken, er packt sanft ihren Hals, er fährt ihr unter den Hintern. Aus der Vereinigung zweier Münder werden zwei Leiber, die sich umeinander schlingen. Und noch immer hat es eine grenzenlose Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit.

Sie wundert sich nicht und sie protestiert nicht, als er sich irgendwann sanft von ihr löst. Er zieht sich das T-Shirt über den Kopf und streift ihr ohne Eile Stück für Stück die Klamotten vom Leib, bis sie nackt vor ihm auf der Schaukel sitzt. Seine Augen stellen keine Frage, als er sich aus der Jeans strampelt, ein Kondom überzieht und vor ihr auf die Knie geht. Während er zu ihr kommt, sieht er sie unverwandt glühend an mit seinen klaren Augen. So viel er eben noch erzählte, so still nimmt er sie jetzt. Nur die angerostete Schaukel quietscht herzerweichend in die Morgendämmerung und übertönt ihr leises Stöhnen.

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