Schon wieder öffentlich

Veröffentlicht 01/02/2013 von Miss Universe

Wir sitzen uns gegenüber beim Bier. Die Aftershow ist in der Phase angekommen, wo wir uns tatsächlich unterhalten wie Bierkumpel. Ich erzähle – wie immer ein bisschen umständlich – eine mäßig spannende Geschichte, als die Pseudorebellenaugen sich vom eingespielten Schwenken zwischen Augenkontakt und Abchecken der (weiblichen) Umgebung lösen. Sie rutschen von meinen Pupillen auf meine Lippen und stürzen in das nicht ganz zufällige Dekolleté. Dort weiden sie eilig aber mit fast spürbarer Intensität. Dann peilen sie wieder nach oben und starren mich an mit jener vor Gier leicht verschleierten Dringlichkeit, die mir sofort die Worte raubt und hektische Flecken auf die Brust treibt.

Er langt über den Tisch, packt meinen Kopf von hinten und zieht ihn so weit zu sich heran, dass er mich küssen kann. Ich will und kann mich nicht wehren, muss halb aufstehen, um seinem zerrenden Arm nachzukommen, und stehe demzufolge mit in die Luft gerecktem Hintern und über den Tisch gebeugten Rücken in der doch eher zivilisierten Kneipe und bekomme einen typischen Pseudorebellenkuss. Hätte er mich gleich genagelt, wäre es auch nicht eindeutiger gewesen.

So wenig ich gegen Zuschauer an sich habe, so wenig mag ich offensiv sexuelle Gesten in öffentlichen Räumen, wo die anderen Anwesenden keine Wahl mehr haben, ob sie an meiner Erregung teilhaben wollen. Ich reiße mich also los – was naturgemäß gar nicht so einfach ist, schließlich ist er stärker als ich und der Kuss als solcher auch sehr angenehm – und plumpse auf meinen Stuhl zurück. Der kleine Ansatz von Kampf lässt meine Augen funkeln. Außerdem weiß er, dass ich solche öffentlichen Übergriffe aus mehreren Gründen nicht schätze.

Ich will weiter machen, er hat mich schon wieder geil gemacht, aber eben nicht auf diese offensichtliche Weise. Zunächst ohne Plan wandert meine Hand wandert über den Tisch und krallt sich mit aller Kraft in seinen Brustmuskel. Er reißt die Augen auf, das tut weh. Dann öffnen sich seine Lippen leicht, er atmet und lässt den Schmerz zu. Ich halte ihn fest im Griff, so sehr meine Bürofinger es zulassen, und spüre, wie er beginnt sich gegen meinen Angriffspunkt und auf diese Weise mit seinem Schmerz zu bewegen.

Der Pseudorebell schließt die Augen (sic! Wann passiert das schon mal?). Ich lasse meine Finger so tief und unerbittlich graben, wie ich kann, während ich mit allen Sinnen registriere, was für Wellen das in ihm schlägt. Zum wiederholten Mal frage ich mich, ob wirklich alle Menschen so schön sind in ihrer süßen Qual.

Wir sitzen mit fast einem halben Meter Abstand an einem Tisch, körperlich verbunden nur an den winzigen Krallpunkten meiner Nägel und bewegen uns fast gar nicht. Trotzdem habe ich das Gefühl, gerade atemberaubend intensiven Sex zu haben. Nur sieht das wahrscheinlich keiner.

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