Seilhoch

Veröffentlicht 27/01/2013 von Miss Universe
Wir sind wieder auf Weiterbildungskurs – zu viel Spaß hatten wir mit den Seilen, um mit der Neugier am Ende zu sein. Wir treiben uns also auf einem Fesseltreffen herum und freuen uns wie schon die letzten Male an der bunten Mischung aus Menschen, die dort workshopartig mit Seilen und Knoten hantiert. Anders als bei der Performance, die mich gerade deshalb so beeindruckt hat, weil ich dort meine eigenen Empfindungen wiederfinden konnte, herrscht eine lockere Atmosphäre und nicht wenige Anwesende widmen ihre Aufmerksamkeit eher Klatsch, Tratsch und Getränken als Fesselungen.

Aber irgendwann packt der Pseudorebell seine roten Seilbündel aus. Vorfreude rieselt durch meine Adern. Und dann passiert es geradezu schlagartig: Er steht hinter mir und streicht auf eine Art und Weise über meine Rückseite, die mich nicht geil macht, nicht mit Zärtlichkeit erfüllt, sondern schlichtweg erdet. Meine Atmung wird tiefer, ich schließe unwillkürlich die Augen. Mein Körper steht wie in den Fußboden gepflanzt in aufgerichteter Symmetrie. Er beginnt sein Werk, noch ohne mich zu berühren. Doch schon in diesem Moment spüre ich die Ruhe und Flüssigkeit der Bewegungen in meinem Rücken.

Ich habe absolut nichts zu tun. Alle Sinne können sich auf ihre Empfindungen konzentrieren. Und das tun sie auf uns. Ich stehe im Raum, fest und sicher. Es ist unglaublich, wie richtig sich das anfühlen kann. Ich tue nichts, und das ist nicht bloß nichts Falsches, sondern das Ultimative. Ich bin Teil dieses Schaffensprozesses, ohne dass ich etwas beizutragen bräuchte. Ich bin das Material.

Er beginnt mich zu bearbeiten mit Ernsthaftigkeit, Entschlossenheit, dem Willen zur Perfektion und der Leidenschaft für die Ästhetik. Ich folge in keiner Weise dem, was er tut; ich könnte niemals sagen, welche Form mein Knotenleibchen schließlich hatte. Ich folge nur dem Wie. Ich spüre, wie jede Bewegung um mich mit Absicht und Umsicht geschieht. Ohne im Entferntesten zu verstehen auf welche Weise, bin ich von dieser Hingabe überwältigt. Da entsteht ein Werk, mit großer Präzision und absolutem Einsatz. Und ich bin Teil dessen, ich bin das Material! Es ist ganz deutlich, dass etwas unerhört Schönes entsteht, und ich bin es sogar irgendwie selber. In keinem Moment bin ich in meinem Körper so glücklich.

Die Seile legen sich immerzu um mich. Es stört nicht, dass ich voll bekleidet bin, es stört nicht, dass überall um uns herum Menschen sind. Es entfaltet seine volle Dynamik, als wären wir allein auf dem Planeten. Es ist nie wie eingesperrt werden. Eher bekomme ich eine Umarmung, die sich selber trägt. Die Stränge halten mich zusammen und panzern mich gleichzeitig. Bewegungsunfähig gefesselt stehe ich im Raum und fühle mich unermesslich stark und schön. Es liegt nicht einmal am Blick des Bildhauers, der gänzlich in sein Werk vertieft ist und damit eben nicht mich meint, sondern das Ganze. Vielleicht kann ich es deshalb so tief auskosten, weil ich mich nicht schäme für meinen Stolz. Es geht nicht um die Bewunderung meines Körpers, es geht nicht um meine Bestätigung durch sein Begehren. Es geht um Kunst 😉

Irgendwann nimmt er das Kleid Lage um Lage wieder von meinem Körper, und ich kann es gehen lassen. Die Seile sind fast gänzlich wieder aufgewickelt und verstaut, bis wieder gesprochen wird. Staunend erklärt er mir, dass er die Umgebung gänzlich ausgeblendet hatte. Für einen kontrollierten Jäger wie den Pseudorebellen ist das tatsächlich sehr bemerkenswert. Er hat eigentlich immer im Blick, von wo Gefahr oder Gefallen ausgehen könnten. Mich beruhigt es beinahe ein wenig, dass mein tranceartiger Zustand offensichtlich keine einsame Halluzination gewesen ist. Kurz darauf verschwinden wir auf einen heftigen Quickie auf einen Flur – ob als Folge dieser intensiven Erfahrung oder als Befreiungsschlag vermag ich nicht zu sagen.
Advertisements

Kommentar verfassen

Bitte logge dich mit einer dieser Methoden ein, um deinen Kommentar zu veröffentlichen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: