Küssen

Veröffentlicht 14/01/2013 von Miss Universe
Es gibt Dinge, die so kleinteilig und vielschichtig sind, dass es aussichtslos scheint darüber schreiben zu wollen. Selbst mit einem Video zur Illustration ist schwer zu beschreiben, wie sich ein Kuss anfühlt. Aber ich kann es ja auch mal probieren.

Es steht schon im Artikel übers Blasen: Lippenberührungen sind mir äußerst angenehm. Was ich dort empfinde, ist sehr intensiv und läuft mir durch den ganzen Körper. Ich küsse mein Kissen, wenn ich masturbiere. Gleichzeitig ist meine Mundhöhle ein Heiligtum, teils ob dieser Empfindlichkeit Tausender Nervenenden, z. B. auch der Geschmacksnerven, teils vielleicht auch, weil sie in meinem Kopf liegt, der immer noch meine gefühlte Körpermitte darstellt und über den ich sehr zögerlich die Gewalt abgebe. Jedenfalls habe ich bisher weniger Menschen geküsst als an meine übrigen Körperöffnungen gelassen.

Ein weiterer Grund für meine restriktiven Betrachtungen liegt in meinen romantischen Assoziationen zum Küssen. Es geht um Zärtlichkeit, Nähe, Intimität, Verbundenheit – und dann vielleicht irgendwann auch um Sex. Aber das war meine Betrachtungsweise, bevor mich der Pseudorebell zu ersten Mal küsste. Für den ist ein Kuss ganz offensichtlich ein Sexakt. Keiner, mit dem er sich zufrieden geben würde, aber es ist Sex von der ersten Sekunde an. Jedenfalls mit mir.

Vielleicht gibt es ein paar Sekunden, in denen die Spannung aufgebaut wird, vielleicht leckt er einmal kurz an meiner Oberlippe, nur um mir deutlich zu machen, dass ich es selbst in diesem Moment schon will. Aber dann ist ein Pseudorebellenkuss vor allem eines: sehr direkt. Seine Lippen umschließen meinen Mund, seine Zunge leckt oder neckt nicht, sie wühlt und reibt in einer Dringlichkeit, die unsere Körper in diversen Mittagspausen gelernt haben mit Instantgeilheit zu beantworten.

Es gibt kein großes Bedürfnis zur Varianz; die Köpfe mal zu drehen, fällt eigentlich höchstens mir ein. Es gibt nur das wachsende Bedürfnis nach mehr, nach tiefer. Wir schieben die Zungen drückend und saugend aneinander entlang, so wild und verlangend, dass mich gelegentlich die irrationale Befürchtung überfällt, wir könnten einander versehentlich fressen, oder dass sich seine Zungenspitze schon von innen gegen meine Halswirbelsäule drückt. Es ist ein feucht-heißer Überfall, dem ich mich nur zu gerne ausliefere. Es ist urtümliches Begehren, das er mir mit keiner Berührung seiner schönen Finger deutlicher übermitteln könnte. Es ist schamlos und dreckig, voller Speichel, wahlweise mit dem Geschmack vom Mittag, einer Minzpastille oder der letzten Zigarette. Es ist die vorweggenommene Vereinigung, und es ist großartig.

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9 Kommentare zu “Küssen

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