Horizont erweitern

Veröffentlicht 01/07/2012 von Miss Universe

Wir existieren als Gemeinsames nur im Verborgenen. Es war ein doppelt seltsames Gefühl als Paar unter Menschen zu gehen und sich in eine Community zu bewegen, die miteinander Dinge tut, die uns Vanilletörtchen doch ein wenig unheimlich sind. Aber beim Thema Fesseln hatten wir nun einmal Blut geleckt und ein offenes Treffen mit kostenloser allgemeiner Einführung würden wir schon schaffen.

So wanderten wir abends durch ein Industriegebiet auf der Suche nach dem größten SM-Club der Stadt, der sich mit „terracottafarbener Profanbau“ sehr zutreffend beschrieben hatte. Aufgeregt und viel zu früh wie wir aufschlugen, wurden wir von den freundlichen Betreibern sofort als Neulinge identifiziert und durften uns im gesamten Gebäude umsehen. In gedämpften Licht bewegten wir uns flüsternd und nahezu ehrfürchtig durch die Hallen und in die Nischen, allesamt ausgestattet mit spannenden Gerätschaften und einer Schmerzästhetik, die deutlich angenehmer ausfiel als befürchtet. Eine Schaukel und ein Fixierblock erregten sogar den dringenden Wunsch wiederzukommen. Lediglich die Nasszelle für Doktorspielchen mit Gynäkologischem Stuhl erzeugte ernsthaftes Unbehagen.

Mit den nach und nach eintrudelnden Gästen ging es ähnlich, allesamt freundlich, unterschiedlich aufgeschlossen und bemerkenswert normal. Menschen in Jeans und T-Shirt, an denen man auf der Straße vorbei gelaufen wäre, oder gar in Kleidung und Haltung den älteren Frauen im Kirchenvorstand meiner Kleinstadt vergleichbar, versammelten sich an der Bar und in Kleingrüppchen. Offensichtlich gab es regelmäßige Besucher, die einander als solche begrüßten und gemeinschaftlich begannen, den Oberkörper einer hübschen jungen Frau einzuknoten; andere waren genauso planlos wie wir und hielten sich an einem Bier fest.

Dann fand tatsächlich die versprochene Einweisung statt. Ein freundlich engagierter Mann in Jeans und T-Shirt organisierte kurzerhand die Newbies in Pärchen, sofern sie nicht schon als solche gekommen waren: „Wer will fesseln? Wer will gefesselt werden? Wer hat noch kein Seil?“ Kurz bewunderte ich die zum Teil sehr jungen Menschen, die sich hier genauso neu und sogar allein hingetraut hatten. Aber der Vorfessler nahm allen jegliche Scheu. Er schaffte es, das ganze gleichzeitig so munter und instruktiv zu vermitteln als gäbe er einen Workshop zum Fahrradflicken oder erzählte uns die 10 besten Steuertricks. Gleichzeitig flossen neben technischen Hinweisen, Sicherheitsvorkehrungen und auflockernden Scherzen Hinweise auf die emotionale Komponente von Fesselspielen ein, die mir das gute Gefühl gaben, trotz aller Professionalität von einem authentischen Menschen etwas lernen zu dürfen.

Das Beste an der Einführung war das überwältigende Ergebnis: Der muntere Vorfessler schaffte es, das alle gewürfelten Pärchen aus normalen Menschen mit Schwächen im 3D-Denken und sicherlich einiger Nervosität überzeugend zwei Varianten höchst hübscher Oberkörperfesselungen zustande brachten! Gleichzeitig hatten wir alle ein paar Grundregeln gelernt und ausnahmslos die Erkenntnis erlangt, wie angenehm und ungezwungen der Umgang mit derlei intimen Dingen sein konnte.

Der Pseudorebell und ich sahen noch zu, wie ein älterer Fesselmeister in geradezu meditativer Konzentration ein blutjunges Mädchen nach und nach an einem Ring aufhängte. Dann verließen wir diesen Ort und ließen unsere Begeisterung über so viel gutes Neues in die Kommunikation unserer Körper einfließen.

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