Fuß

Veröffentlicht 15/04/2012 von Miss Universe

Wir tun es schon wieder: sitzen uns gegenüber in einer öffentlichen Kneipe und sehen uns in die Augen, dass man kein Prophet mehr sein muss. Von außen sieht es wahrscheinlich aus wie zwei komplett Verliebte; ich genieße alle Nuancen, die ich da kriege. Wenn der Pseudorebell mich ansieht, dann bekommt sein Blick manchmal das, was bei vielen Menschen kommt, bei denen auch hinter den Augen einiges vor sich geht, Ernsthaftigkeit. In all der eingeübten Spaßallianz, wie ich unser Ding gern nenne, hat das manchmal etwas leicht Beunruhigendes oder Befremdliches. Aber letztlich sind auch diese Momente der Auseinandersetzung welche, die ich keineswegs missen möchte, in denen man kurz zu erkennen glaubt, dass es alles nicht nur Spaß und trotzdem gut ist.

Dann fängt er an mit den Augen über mein Gesicht, meine Haare, meinen Hals zu wandern und zurück, bis ich denke, jetzt hat er alle verschmierten Reste meiner verlaufenen Mascara inventarisiert und die Falten an Mund und Augenwinkeln analysiert. Stattdessen öffnen sich dann diese schönen vollen Lippen und die ohnehin so gar nicht verkniffenen hellen Augen gestatten noch etwas mehr Durchlass auf das, was dahinter liegt: Staunen, manchmal noch gesteigert durch ungläubiges Kopfschütteln.

Der krasseste Moment entsteht, wenn sich plötzlich ein Schleier vor diese ach so klaren Augen zieht. Nicht Traurigkeit, sondern reine Gier verschleiert ihm den dann irrelevanten Teil der Weltwahrnehmung. Der Mann vor mir will nur noch mich, ausschließlich und mit aller Macht, die ihm zur Verfügung steht. Was für ein erhebendes Gefühl – das allerdings bei mir nur sehr kurz auf genießende Kontemplation und dann sehr schnell auf den ebenso bedingungslosen Wunsch sich dem hinzugeben trifft. Dieser Blick geht über die Augen direkt in mein Rückenmark und zwischen die Beine.

Es ist schon vorgekommen, dass wir in diesem Augenblick fast absprachelos wieder zurück ins Stundenhotel gerannt sind. Mindestens ein Kuss muss folgen, um diesem unglaublichen Magnetismus nachgeben zu können. Aber heute rutscht er plötzlich in seinem Stuhl zurück. Was bleibt mir anderes übrig, als es ihm gleichzutun, den Abstand zu vergrößern und mich neu zu justieren? Bevor ich mich über dieses neue Verhalten wundern kann, spüre ich plötzlich seinen Fuß zwischen den Beinen. Und der Kerl hat seine Finger oft genug dort gehabt, um zu wissen, wie er seine Zehen dort einsetzen kann!

Unbeteiligt gucken ist für meinen Teil sowieso ausgeschlossen, also beginne ich zu genießen, dass ich ihm bei dieser Aktion mit etwas mehr als Zyklopenabstand in die Augen sehen kann. Meine Außenwahrnehmung reicht knapp, um zu kalkulieren, dass die Anordnung der Tische nicht allzu viele Menschen zu ungewollten Zeugen machen kann. Es ist großartig und ich konsumiere meinen zweiten Nachtisch mit großer Freude. Ich habe keine Ahnung, ob ich akkustisch ihre Aufmerksamkeit erregt habe oder ob sie nur schauen wollte, ob das Bier schon wieder alle ist; jedenfalls höre ich den Pseudorebellen plötzlich mit nonchalanter Stimme ankündigen: „Können wir zahlen, bitte?“ und die grinsende Bedienung neckt: „Weiß ich nicht, ob ihr das könnt…“ während sie sich umdreht, um die Rechnung zu bringen und ich langsam wieder anfange zu fokussieren.

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